Wenn sich Fuchs und Mensch Gute Nacht sagen
Wilde Tiere in der Großstadt
Wer als Städter häufig nachts unterwegs ist, wird ihm vielleicht schon mal begegnet sein: dem Fuchs. Das rotfellige Tier mit dem buschigen Schwanz ist zwar naturgemäß auf der Hut. Dennoch scheint es das unverhoffte Tète-à-tète inmitten der Stadt gleichgültiger hinzunehmen als der Mensch. Dem ist eher unbehaglich zumute. Mit einer herrenlosen Katze hätte er gerechnet oder sich auch von einer Ratte gern überraschen lassen. Aber ein Fuchs, der Inbegriff des Schreckens. Wegen der Gefahr, Tollwut zu übertragen, wurde das Tier jahrzehntelang gnadenlos gejagt. "Der Fuchs in der Stadt war der Tod vor der Tür", beschreibt der Biologe Cord Riechelmann die ehemalige Hysterie in seinem Buch über die wilden Tiere in der Großstadt.
Der Autor musste für seine Begegnung der unheimlichen Art nicht einmal nachts vor die Tür. Er traf den ganz und gar nicht wütenden Fuchs zur Mittagszeit zwischen Obst- und Gemüseauslagen Berliner Geschäfte. "Ruhig wie jeder Stadthund geht der Fuchs zwischen den Fußgängern entlang, blickt einigen direkt ins Gesicht und verschwindet schließlich in Richtung eines Parkplatzes, um dort unter den Bäumen die Abfälle zu inspizieren." Abfall für alle.
Denn nicht nur Füchse haben den permanent gedeckten Tisch der Zivilisation für sich entdeckt. Unter den Säugetieren haben auch Waschbären, Biber, Steinmarder und vor allem Wildschweine den städtischen Raum erfolgreich erobert. Berlin beispielsweise zählt zu den artenreichsten Gebieten Deutschlands. Das liege unter anderem daran, schreibt Riechelmann, dass öffentliche Grünflächen nicht gedüngt würden. Zudem gilt die Spreemetropole mit seinen großen Waldgebieten, Parkanlagen, Seen, Flüssen, Stadtbrachen und Kleingärten als "grüne" Stadt. Die Grünflächen verteilen sich mosaikartig über das gesamte Stadtgebiet und haben die für eine große Artenvielfalt notwendigen unterschiedlichsten Kleinstklimata und Lebensräume zu bieten.
Wie sehr Städter die tierischen Neusiedler mögen, erlebte der Wildbiologe Andreas König im Münchner Vorort Grünwald. Dort gibt es nach Schätzungen auf rund sieben Quadratkilometer Fläche im Sommer bis zu 150 Füchse – das sind rund zehn Mal mehr als gewöhnlich im Wald leben. Laut einer Umfrage tolerierten 90 Prozent der Grünwalder die Nähe zu ihren wilden Nachbarn. Gleichzeitig fürchtet sich aber fast die Hälfte der Befragten vor der Tollwut. Diese Angst hält König aber für unnötig, gilt das Land Bayern doch seit 15 Jahren als tollwutfrei. Zwar ist der Fuchs Hauptüberträger des Lyssa-Virus, der die Tollwut-Krankheit auslöst. In den vergangenen Jahren wurde aber kaum noch ein Fall bekannt. "So wurde der letzte registrierte Tollwutfall, der bei einer Frau im Münchner Vorort Bogenhausen auftrat, durch den Biss einer Ratte herbeigeführt", berichtet Autor Riechelmann. Einer "Fuchs-Schluckimpfung" habe man zu verdanken, dass die Tollwut heute keine Gefahr mehr darstellt: Die Tiere werden via ausgelegte Köder gegen die Infektion immunisiert. Im Zweifelsfall aber bietet eine eigene Impfung immer hundertprozentigen Schutz nach einem Fuchsbiss oder nach dem Kontakt mit einem auffälligen Tier.
Rettungsinsel für die Artenvielfalt
Ernster zu nehmen ist die Gefahr einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm. Dessen Eier gelangen über den Kot der Füchse in dei Umwelt, beispielsweise auf Himbeeren oder Walderdbeeren. Werden diese Früchte ungewaschen gegessen, können sich die geschlüpften Würmer in die menschliche Leber einnisten und zur tödlichen Gefahr entwickeln. Deshalb der Rat der Experten: In Gebieten, in denen Füchse vorkommen, bodennah wachsende Früchte vor dem Verzehr abkochen! Zumindest aber Gemüse, Salat und Fallobst ausgiebig waschen, wie auch nach Gartenarbeiten und Spaziergängen im Wald die Hände gründlich reinigen! In Grünwald hat man vor drei Jahren damit begonnen, Entwurmungsprogramme einzuführen. Seit dieser Zeit seien die Füchse dort bandwurmfrei, berichtete Biologe König kürzlich auf einer Tagung in Berlin. Auch dort habe der Fuchsbandwurm so gut wie keine Bedeutung, lässt die Senatsverwaltung verlauten. Nur bei drei Tieren sei der Bandwurm bisher nachgewiesen worden, heißt es.
Reineke Fuchs gibt es natürlich nicht nur in Berlin oder München, sondern ist auch in Großstädten wie Zürich, London oder Paris bekannt. Als Kulturfolger haben die Tiere die Nische "Großstadt" für sich entdeckt. Füchse sind in ihren Ernährungsgewohnheiten nicht anspruchsvoll und fressen fast alles: In manchen Gegenden futtern sie hauptsächlich Regenwürmer, in anderen graben sie nach Engerlingen. Und in Städten begnügen sie sich mit den Abfällen der Wegwerfgesellschaft. Dabei versuchen sie aber meistens, dem Menschen aus dem Weg zu gehen. Nur halbzahme Füchse, die durch Fütterung an den Menschen gewöhnt wurden und Jungfüchse, die den Städter noch nicht kennen, trauen sich dichter an sie heran. Bei unbeabsichtigten Begegnungen mit einem Fuchs gilt: Ruhe bewahren und dem Tier einen Fluchtweg freilassen. Füchse sind Wildtiere und sollen es auch bleiben.
Cord Riechelmann: Wilde Tiere in der Großstadt (mit CD). 176 Seiten. 26 s/w-Abb. 13 farbige Abb. ISBN 3-89479-133-0. Preis 16,90 EUR • Informationen über Wildtiere in Berlin:
www.stadtentwicklung.berlin.de/forsten/wildtiere/ • Weitere interssante Details über die Füchse in Grünwald unter
www.wzw.tum.de/wildbio/fuchs/2002/gnwald02.htm
