Mit triefenden Augen und dick geschwollenen Nasenschleimhäuten laufen Arbeiter durch Fabrikhallen, sitzen Studenten in Hörsälen und spähen Angestellte in ihren Büros zum Bildschirm. Der erste Eindruck täuscht nicht, zumindest in einigen Regionen des Landes fliegen Gräserpollen besonders stark, sagt der Medizinmeteorologe Klaus Bucher vom Deutschen Wetterdienst in Freiburg.
Während im Jahr 2007 die Berliner Uniklinik Charité am 14. Juni mit 36 Gräserpollen in jedem Kubikmeter Stadtluft den Rekordwert registrierte, wurde dieser Höchstwert in diesem Jahr bereits am 3. Juni mit 120 Pollen weit übertroffen. Dabei sprechen Allergiespezialisten bereits ab 30 Pollen pro Kubikmeter Luft von einer starken Belastung für Allergiker. Viele Betroffene müssen dann mit Heuschnupfen und allergischem Asthma rechnen. Diesen Wert überbietet der Raum Bremen mit 1 030 Pollen pro Kubikmeter am 2. Juni um Größenordnungen.
Neue Pollenflugrekorde
Auch Göttingen liegt mit seinen 452 Pollen deutlich über dieser für Allergiker wichtigen Grenze. Beide Stationen meldeten 2007 jeweils deutlich niedrigere Allergiewerte. Im Südwesten der Republik lag der Gräserpollenrekord dagegen 2007 mit 289 Pollen pro Kubikmeter Freiburger Luft deutlich über dem bisherigen Rekord für 2008 mit 176 Pollen.
Für Klaus Bucher kommen schwankenden Werte nicht überraschend: „Der Pollenflug hängt stark vom Wetter und von der weiteren Umgebung ab“, sagt der Spezialist. Wenn über der Charité im Zentrum Berlins hohe Graspollen-Konzentrationen gemessen werden, stammen die wenigsten davon von städtischen Grünanlagen. Die meisten Pollen trägt nämlich der Wind aus dem Umland in die Stadt. Liegt dann wie in diesem Jahr ein Hochdruckgebiet über dem Süden Skandinaviens, trägt ein trockener Ostwind von den Wiesen Polens jede Menge Gräserpollen nach Deutschland und damit auch in die Städte. Bei Windstille dagegen haben zumindest die städtischen Allergikernasen ein paar Tage Ruhe vor den Pollen.
Lang anhaltende Trockenheit verstärkt die Qualen für Gräserpollen-Allergiker noch zusätzlich. „Das heißt aber nicht automatisch, dass Allergiker beim Nahen von Gewittern und Schauern aufatmen können“, sagt Klaus Bucher. So ein Schauer entsteht, wenn warme Luft in die Höhe steigt, dabei kräftig abkühlt und die Luftfeuchtigkeit zu Tropfen kondensiert. Die schweben zunächst als Wolke in der Luft. Wenn sie zu schwer werden, fallen sie als Regentropfen zu Boden und waschen Pollen und Staub aus der Luft.
Für den Allergiker im Zentrum eines Schauers ist das ganz praktisch, sein Leidensgenosse am Rande des Gewitters leidet dann aber vermutlich umso mehr. Dort sinkt nämlich die vorher aufgestiegene Luft wieder zu Boden und transportiert viele Pollen aus höheren Schichten zur Allergikernase hinunter, die plötzlich viel mehr Pollen als vorher einatmet.
Obendrein nehmen die Pollen in der schwülen Luft unmittelbar vor oder auch am Rande eines Gewitters reichlich Luftfeuchtigkeit auf und quellen. Aufgequollene Pollen aber lösen viel stärker Allergien aus als trockene. Unmittelbar vor dem Gewitter oder am Rande leiden Allergiker daher oft besonders stark. Aber auch wenn der Regen die meisten Pollen aus der Luft gewaschen hat, leiden Allergiker oft weiter, weil die abgesunkenen Pollen dann noch in Kleidern und Haaren hängen.
von Roland Knauer
Eine Pollenflugvorhersage gibt es beim Deutschen Wetterdienst unter
www.dwd.de (> Biowetter); dort ist auch ein täglich erscheinender Newsletter zum Pollenflug kostenlos abonnierbar
Fünf Tipps für Pollenallergiker:
1. Deponieren Sie Ihre Kleider im Nebenzimmer oder noch besser im Wäschekorb. Wer nämlich die tagsüber getragenen Kleider in der Nacht neben das Bett legt, bekommt mit jedem Luftzug weitere Pollen ab und leidet weiter.
2. Vor dem Schlafen gehen duschen und unbedingt die Haare waschen. Das spült die Pollen weg und ermöglicht besseren Schlaf. Die Nasenschleimhäute bekommen dann eine reelle Chance, endlich abzuschwellen.
3. Vor dem Gewitterschauer am besten nicht ins Freie gehen. Dann ist es eh meist unangenehm schwül.
4. Führen Sie Buch, wann welche Symptome auftreten. Mit diesen Daten und weiteren Diagnosen können Sie nach der Pollenflugsaison (vom 1. Januar bis 30. September) beim Allergologen (oft ein Hautarzt, Lungenarzt und auch viele Allgemeinmediziner machen das) die verursachenden Pollen ermitteln.
5. Führen Sie nach der Pollenflugsaison eine Hyposensibilisierung gegen die Allergieverursacher durch. Die hilft langfristig und kann oft zu Hause durchgeführt werden.
Was fliegt denn da?
Etwa 95 Prozent aller Pollenallergiker leiden unter Hasel, Erle, Birke, Roggen, Beifuß und Süßgräser. Die Gräserpollen fliegen mit mehreren Gipfeln bis Anfang August.
Hasel blüht manchmal schon von Dezember an bis März, Erle im frühen und Birke im mittleren Frühjahr.
Im Spätfrühling und Frühsommer blüht dann abhängig von der Witterung der Winterroggen.
Ende Juli, Anfang August kommt schließlich noch der Beifuß dazu, dessen Pollen bereits in geringer Anzahl pro Kubikmeter erhebliche Probleme machen.
